Noch mehr Impressionen vom Bodenseekirchentag

Geistreich, berührend, ermutigend – so lassen sich in drei Worten die Eindrücke vom Sonntag und damit dem Abschlusstag des 17. Internationalen ökumenischen Bodenseekirchentags bündeln. Wer keinen Platz mehr in den 10-Uhr-Gottesdienst in der Reformierten Kirche in Kreuzlingen fand („Haben Sie reserviert?“), in dem Margot Käßmann predigte, hatte eine große Auswahl an vielfältigen anderen.

Da gab es einen ökumenischen Familiengottesdienst, ein „Go special – Sie haben 365 ungelesene Nachrichten von Gott“ mit Klaus Douglass, eine orthodoxe heilige und göttliche Liturgie mit anschließender Heiliger Taufe, einen syrischen Gottesdienst, ein Hochamt mit Münsterchor und Vokalensemble, ein Frauen- oder Johannitergottesdienst, einen mit Limaliturgie oder einen reformierten Gottesdienst mit palästinenischer und jüdischer Beteiligung. Rund 2000 Christen vieler Konfessionen kamen so am Sonntag in Gebet und Gesang in den Konstanzer und Kreuzlinger Kirchen zusammen.



Gottesdienst in Kurzrickenbach „Begegnungen auf Augenhöhe – LebensRaum für beide Völker. Zum Kairosdokument der palästinensichen Christen. Mit der Theologin Viola Raheb, der Psychotherapeutin Evi Guggenheim, dem Musiker Marvan Abado und Pfarrer Peter Schüle.

Wer zuhört, der muss irgendwann trotzdem mal essen. Im Kirchentagscafé in Kreuzlingen gab es ökologisch-faire Speisen und erfrischende Getränke. 

Einen Kaffee gibt es gegen Spende und ein freundliches Lächeln dazu.

Zahlreiche entspannte Helfer sorgen für einen reibungslosen Ablauf, auch wenn zeitweise mehr als 600 Besucher das Kirchgemeindehaus bevölkern.

Eine braungebratene Wurst im echten Schweizer Bürli....

... oder ein garantiert veganer Eintopf - heitere Miene bis strahlendes Lächeln sieht man bei den meisten Besuchern.

Dekanin Schneider-Cimbal beim Interview....

.... und mit Kirchenpräsident Wilfried Bührer, Dr. Margot Käßmann und Schuldekan Martin Lilje nach einem lebhaften, anregenden und gelungenen Gottesdienst am Sonntagmorgen. Foto: Sandra Albert-Vötsch

Auch bei dem Stand des Fördervereins Krankehausseelsorge kann man kühle Getränke bekommen.

Impulse, Erkenntnisse, Emotionen - Lebhafte Gespräche nach dem Besuch des Vortrags von Viola Raheb.

Die Theologin Viola Raheb berichtet von der Situation der Palästinenser im Westjordanland. Von gewaltlosem Widerstand, den Tag für Tag viele leisten, um nicht zu verzweifeln: von spielenden Kindern, die jeden Tag aufs neue in den Kindergarten und die Schule gehen, die Kraft haben, mit Farben zu malen, zu spielen und zu lachen; von Müttern, die dem Leben singen und nicht dem Tod; von vielen jungen Leuten, die in und mit Kunstprojekten die Hoffnung aufrecht erhalten, dass auch sie eines Tages frei und selbstbestimmt als Palästineser in Israel leben können. Bewegend, beklemmend, anrührend.

„Verzweifeln dürfen wir nicht. Das können wir uns nicht leisten.“ Die Psychotherapeutin Evi Guggenheim Shbeta, eine Jüdin aus Zürich, die mit einem Palästinenser verheiratet ist, führt anhand des Friedensdorfes Neve Shalom - Wahat al Salam in Israel ein Beispiel an, dass Zusammenleben von Palästinensern und Juden möglich ist: gemeinsam mit Christen und Moslems leben sie in diesem Dorf freiwillig zusammen und üben tagtäglich, Konflikte zu lösen. Sie wollen so ein Modell sein für ein friedliches Zusammenleben der beiden Völker in der Zukunft. "Frieden ist nur möglich, wenn beide Seiten Frieden haben."
Evi Guggenheims Mutter, gebürtige Gailingerin, musste das Dorf am Hochrhein verlassen, als die Nazis die Macht in Deutschland übernahmen.

Mehr als 400 Menschen sind zur Matinée mit Heiner Geißler gekommen, der sich in seinem aktuellen Buch mit Martin Luther auseinandersetzt und vehement immer wieder an die beiden großen christlichen Kirchen appelliert, die Spaltung zu überwinden und sich wieder zu vereinen. "Die Welt heute wird beherrscht von heidnischen Werten, sie ist fast ausschließlich von Kapitalinteressen bestimmt. Wir brauchen eine ökosoziale, internationale Wirtschaftsordnung."

Drei Doktoren beim Match: Mit sichtlichem Vergnügen spielen sich Moderator, Pastor Dr. Rainer Behrens, der ehemalige Minister mit jesuitischer Bildung Dr. Rainer Geißler und Lutherkenner und Kirchenhistoriker Dr.Volker Leppin die Bälle zu.

"So groß wie Sie Luther machen, Herr Geißler, war er gar nicht." Dr. Volker Leppin antwortet auf Geißlers Geißelung der Rechtfertigungslehre. "Wir haben viel Mißbrauch mit dem Sündenbegriff getrieben. Aber die Grundeinsicht bleibt: Ich kann den Sinn meines Lebens nicht produzieren. Der Sinn meines Lebens kann nur von außen geschenkt sein. Das hat schon Thomas von Aquin im m13. Jahrhundert gesagt."

Der Chor unter Leitung von Annette Vielmuth singt afrikanische Lieder - und bringt so eine andere Saite Afrikas, die Heiner Geißler in seinen Ausführungen als Opfer westlich-europäischer Wirtschaftsinteressen bezeichnet, zum entspannenden Schwingen.

Vor dem Abschlussgottesdienst in Kreuzlingen: Der Konstanzer Posaunenchor unter der Leitung von Markus Fischer.

"Dank, Anerkennung und Staunen habe ich von vielen gehört, auch von solchen Menschen, die gar nicht in eine Gemeind eingebunden sind", so schildert Schuldekan Martin Lilje Äußerngen von Kirchentagsbesuchern. "Und bei allem, was nicht geklappt hat, möchte ich diejenigen um Nachsicht bitten, die der Meinung sind, sie hätten Nachsicht verdient." Der Auftakt zum Abschlussgottesdienst um 14 Uhr in der Evangelischen Kirche Kreuzlingen.

Die bei der Eröffnung eingebundenen Artisten, die auf der Slack-line balancierten, tauchten auch im Abschlussgottesdienst noch einmal auf - dieses Mal im Film, der auf eine Leinwand projeziert wurde.

Kirchenpräsident Wilfried Bührer (Thurgau/CH) versuchte sich dann an einem Fazit für das christliche Wochenende im Zeichen von "Komm rüber". "Dankbar bin ich für die Vielfalt, die wir genießen durften. Es ist vieles gelungen, obwohl es auch immer mal wieder chaotische Elemente drin hatte." Und als aktiver Sänger, der am gestrigen Chortag teilnahm, sei ihm die ganze Nacht eine Liedzeile aus einem Luthertext nachgegangen: "Gottes Wort + Christi Lehr vergehen nie und nimmermehr. Ich hoffe, dass dieses Wort weitergeht, dass es sich immer wieder Gefäße schafft, wo es weiterwirkt."

Minne Bley