Geistlicher Impuls - "Politik, Kirche und Gottes Antlitz"
Darf eine Kirche sich in Politik einmischen? Wie politisch muss Glauben sein? Da die Kirchen nicht außerhalb der Polis, der Stadt oder dem Staat, stehen, sind sie bereits eine politische Größe. Und insofern sind sie schon immer politisch „tätig“. Ist aber Kirche nicht zu etwas anderem bestimmt? Raum zu schaffen, in dem man Andacht, Ermutigung, Trost erfahren kann? Raum zum Atemholen? Raum, der sich gelöst hat von Sorgen, den Konflikten und dem Getriebe der modernen Welt? Die Kirche als eine seelische Friedensinsel? Das soll sie auch sein.
Holt man die Politik aber in die Kirche, dann kommen Sorgen und Probleme wieder mit. Vorbei ist es dann mit der Andächtigkeit. Die Welt draußen besetzt die Welt drinnen.
„Drinnen“ und „draußen“ lassen sich unterscheiden, aber trennen kann man sie nicht. Kirche ist keine unpolitische Friedensinsel. Wie politisch also darf ich als Pfarrer sein? Öffentlich Stellung beziehen? Hatten wir das nicht schon in der Geschichte? Eine Kirche, die sich hergab für mehr als fragwürdige nationale Interessen? Sie braucht klare Kriterien dafür, wann sie sich politisch einmischen muss. Sie hat sich an Jesus Christus zu orientieren.
Jesus zog sich nicht auf die Insel Mainau zurück, um von dort ab und zu mit dem Fernrohr nach Konstanz zu schauen, um zu erkunden, was der Stadtrat wieder an- und zurichtet. Wenn der Glaube nicht handelt, dann gibt es ihn nicht. Er wird sich für Frieden einsetzen. Im Kleinen dort, wo Menschen Hilfe suchen und Zuspruch erwarten. Im Großen, wo es um politische Entscheidungen und gerechte Strukturen geht. Kann er zusehen, wie die Welt einer Klimakatastrophe entgegenschlittert? 2026: Heißester Juni seit der Aufzeichnung von Wetterdaten. Kann er zusehen, wenn die Welt durch die Politik einer Handvoll Egomanen zugrunde geht? Wenn Verfolgte bei uns Schutz suchen? Wenn die Wohnungsmieten nicht mehr zu bezahlen sind?
Wenn Frieden durch dicke Kirchenmauern geschützt werden muss, dann wird es höchste Zeit, die Mauern einzureißen und den Frieden und den Streit um den Frieden dorthin zu tragen, wo er hingehört – in die Welt. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist“, antwortet Jesus auf die Frage, ob es recht ist, Steuern zu zahlen. Er hatte etwas gegen Steueroasen. Und er fährt fort: „Gebt Gott, was Gottes ist.“ Was Gottes ist, hat sicher auch mit Geld zu tun, nämlich damit, wie ich es verwende. „Was Gottes ist“, ist immer politisch. Es hat mit dem zu tun, wie ich mich mit meinem Glauben für eine Welt einsetze, die lebens- und erhaltenswert ist. Damit andere in ihr das freundliche Antlitz Gottes entdecken.
Rainer Stockburger ist Vorsitzender des Kirchengemeinderats der evangelischen Kirchengemeinde Konstanz