Geistlicher Impuls - Über den Trümmern!
Was würden Sie erwarten, wenn Sie eine alte Kathedrale betreten? Alte Mauern, künstlerisch gestaltete Fenster, beeindruckende Heiligenfiguren? In der Kathedrale von Llandaff bei Cardiff erwartet einen etwas anderes. Mitten durch das Mittelschiff zieht sich ein gewaltiger Bogen aus Beton. Zunächst wirkt er wie ein Überbleibsel einer Baustelle. Doch wer dem Bogen folgt und den Blick nach oben wandern lässt, entdeckt dort eine Christusfigur.
Christus steht dort mit weit geöffneten Armen. Keine Krone, kein Zepter, kein triumphierender Herrscher. Er scheint nicht über den Menschen zu stehen. Er ruft sie vielmehr zu sich. Und sein Blick geht durch die Fenster hinaus in die Welt. Diese Figur des jüdischen Künstlers Sir Jacob Epstein gehört zu einer Geschichte von Zerstörung und Neuanfang. 1941 wurde die Kathedrale bei einem deutschen Bombenangriff – dem Cardiff Blitz – schwer getroffen. Beim Wiederaufbau entschied man sich gegen eine bloße Restauration. Etwas Neues sollte entstehen. So kam der gewaltige Betonbogen in die Kathedrale – und auf ihm dieser Christus mit den offenen Armen.
Vielleicht liegt gerade darin eine Botschaft für unsere Zeit! Wir wissen, wie groß die Herausforderungen geworden sind. Die Welt ist kompliziert geworden. Und manchmal macht gerade dieses hohe Maß an Komplexität ängstlich und mutlos. Der Künstler erinnert uns daran: Die Liebe Gottes ist erfahrbar und damit größer als unsere Probleme.
Vor ein paar Wochen hatte ich Gelegenheit, die Kathedrale zu besuchen. Seitdem lässt mich dieser Christus nicht mehr los. Denn mir wurde bewusst: Diese offenen Arme sind Einladung und zugleich Herausforderung: Lassen wir uns von dieser Liebe verändern? Lassen wir zu, dass sie unsere Härte hinterfragt, unsere Unversöhnlichkeit und Rechthaberei? Gottes Liebe ist nicht nur etwas, das wir empfangen. Sie verändert auch den Blick, mit dem wir anderen begegnen. Christus ruft Menschen zusammen. Nicht weil die Unterschiede plötzlich verschwinden. Sondern weil seine Liebe größer ist als das, was uns trennt. Sie ermutigt uns, einander zuzuhören, ohne sofort zu urteilen.
Das mag angesichts der Herausforderungen unserer Zeit klein erscheinen. Aber vielleicht beginnt genau hier etwas Neues. Die Trümmer gehören zur Geschichte von Llandaff. Aber sie sind nicht das letzte Wort. Christus steht über ihnen. Mit offenen Armen und ruft: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken!“ (Mt 11,28).
Markus Weimer, Dekan